Fördeprreis

Interview: „Am Rande“

Was planen junge, angehende Architektinnen und Architekten? Aufschluss darüber gibt der Förderpreis der Stiftung Deutscher Architekten (SDA), mit dem im Frühjahr im Baukunstarchiv NRW in Dortmund junge Nachwuchsplanerinnen und -planer für ihre überzeugenden Studienabschlussarbeiten ausgezeichnet wurden.

26.11.2025

Ruth Johanna Dyzmann studierte an der FH Münster (msa). Ihre Masterarbeit wurde von Professor Joachim Schultz-Granberg vorgeschlagen.
© Foto: Detlef Podehl / Architektenkammer NRW

Ruth Johanna Dyzmann (FH Münster) ist eine von drei gleichrangigen Preisträger*innen. Sie überzeugte die Jury mit ihrer Masterarbeit „Am Rande – Grenzenlose Verflechtung des Ruhrgebiets“.

Gewinnerin des Förderpreis 2025 Ruth Johanna Dyzmann im Interview

Ruth Johanna Dyzmann, Ihre Arbeit befasst sich mit den baukulturellen und gesellschaftlichen Herausforderungen im Ruhrgebiet. Was hat Sie zu dieser Aufgabenstellung gebracht? 

Ich bin mit offenen Augen durch verschiedene Städte gegangen, und mir ist dabei besonders aufgefallen, wie stark aktuell an den Rändern verdichtet wird – oft „auf der grünen Wiese“. Die Architektur dieser neuen Quartiere ist zwar häufig hochwertig, aber das Umfeld, das für ein lebendiges Alltagsleben notwendig wäre, fehlt oft. Spannend fand ich das Ruhrgebiet, weil hier die Städte stark zusammengewachsen sind, sodass die Ränder nicht immer klar erkennbar sind. Es war für meine Arbeit daher eine zusätzliche Herausforderung, die unterschiedlichen Arten von „Rändern“ zu identifizieren und zu analysieren – oft liegen diese nicht offensichtlich am Stadtausgang, sondern sind eher als Brüche, Übergänge oder Nahtstellen innerhalb der dichten urbanen Struktur zu finden. Das machte das Thema für mich besonders reizvoll. 

Warum haben Sie sich für die jeweiligen Orte entschieden, und was hielten Sie für besonders geeignet für Ihre Fallstudie? 

Die Orte habe ich mir bewusst „erfahren“: Ich bin mit dem Motorrad durch einen Teil des Ruhrgebiets gefahren, nachdem ich mich intensiv mit dem Schwarzplan beschäftigt hatte. Ich wollte herausfinden: Wo trifft bebaute und unbebaute Fläche aufeinander? Wo gibt es markante Einkerbungen, Brüche oder Lücken? Beim Kohlenbunker in Gelsenkirchen hat mich besonders die starke Präsenz der Struktur fasziniert. Die Fläche wirkte wie ein vergessener, aber potenzieller Ort – mit einer Skateanlage, aber ohne echte Belebung. Ich sah darin großes Potenzial, einen identitätsstiftenden Raum zu schaffen. Das Grundstück fand ich aufgrund der Nähe zur Ruhr-Universität Bochum spannend. Ich habe vor Ort mit Studierenden gesprochen, um herauszufinden, was ihnen fehlt, und mir wurde klar, dass hier ein Raum fehlt, der Freizeit, Begegnung und Nahversorgung verbindet, ohne dafür direkt in eine der Innenstädte zu müssen – ein ideales Szenario, um ein lebendiges Quartier zu entwickeln. 

Wurde Ihre Arbeit an den beiden Orten zur Kenntnis genommen? Trägt sie zum aktuellen Diskurs in der Stadtplanung bei? 

Meine Arbeit hat zwar keinen direkten Einfluss auf konkrete Bauvorhaben an den beiden Orten genommen, wurde aber im Rahmen von Präsentationen an der Universität und durch Diskussionen mit lokalen Akteur*innen aufmerksam wahrgenommen. Besonders die Gespräche mit Studierenden in Bochum und die Rückmeldungen von Fachleuten haben gezeigt, dass meine Ansätze Denkanstöße liefern, wie wir Stadtentwicklung neu denken können. Inhaltlich trägt meine Arbeit zum aktuellen Diskurs bei, indem sie die Themen Wohnungsnot, bezahlbaren Wohnraum und sozialen Zusammenhalt zusammenführt. Ich habe bewusst den Fokus darauf gelegt, dass neue Quartiere nicht nur für das reine Wohnen geplant werden sollten, sondern zum Leben. Meine Konzepte zeigen auf, dass es zwar bestimmte Leitlinien für ausgewogene Quartiere geben kann, aber jedes Projekt auf die Besonderheiten des Ortes abgestimmt sein muss. 

Welche Pläne haben Sie für Ihren weiteren beruflichen Werdegang? Welche Ziele möchten Sie als Architektin erreichen? 

Derzeit befinde ich mich in der Einarbeitung in den Berufsalltag und sammle wertvolle praktische Erfahrungen, die mir helfen, die vielfältigen Herausforderungen und Realitäten des Architekt*innenberufs besser zu verstehen. Langfristig ist es mein Ziel, aktiv an Projekten mitzuwirken, die einen nachhaltigen Mehrwert für die Gesellschaft schaffen. Besonders die Themen Stadtentwicklung und zukunftsorientierte Planung liegen mir am Herzen. Ich möchte mich daher künftig verstärkt für integrative, lebenswerte Quartiere einsetzen, die nicht nur architektonisch überzeugen, sondern auch sozial, ökologisch und funktional einen echten Beitrag leisten.