Baukunstarchiv NRW

Baukunstarchiv NRW wird Teil der „Route Industriekultur“

Das Baukunstarchiv NRW ist Industriekultur: Am 7. April 2022 wurde vor dem Baukunstarchiv NRW feierlich eine neue Informationstafel der „Route Industriekultur“ des Regionalverbands Ruhr (RVR) enthüllt.

07.04.2022

Timo Hauge (l.), Leiter des RVR-Teams Industriekultur, und Prof. Dr. Wolfgang Sonne, wissenschaftlicher Leiter Baukunstarchiv NRW, enthüllten feierlich die neue Informationstafel vor dem Baukunstarchiv NRW
© Julia Neuhaus / Baukunstarchiv NRW

Timo Hauge, Leiter des RVR-Teams Industriekultur, und Prof. Dr. Wolfgang Sonne, wissenschaftlicher Leiter des Baukunstarchivs NRW, stellten die neue Tafel vor, die auf die besondere Rolle des Bauwerks am Ostwall 7 für die Dortmunder Bauhistorie und die Baukultur im Ruhrgebiet hinweist. Somit zählt das Gebäude des Baukunstarchivs NRW, das ehemalige „Museum am Ostwall“, nun offiziell zu der „Route Industriekultur“. Es ist als ausgezeichneter Standort auf der „Themenroute 6“ (auch „Dortmund: Dreiklang, Kohle, Stahl, Bier“ genannt) zu entdecken.

Die Historie des ältesten Profanbauwerks in der Dortmunder Innenstadt ist vielfältig: 1872 – 75 als Landesoberbergamt nach Plänen des Berliner Architekten Gustav Knoblauch realisiert, wurde es ab 1911 nach einem Umbau (Stadtbaurat Friedrich Kullrich) die städtische Sammlung des 1883 gegründeten Museums für Kunst und Kulturgeschichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg baute die Gründungsdirektorin des „Museums am Ostwall“ das Gebäude wieder auf und etablierte eine international renommierte Sammlung mit Werken von Künstlern der Moderne..

Weitere Informationen: www.baukunstarchiv.nrw

Baukunstarchiv NRW

Bauministerin Scharrenbach übergibt Förderbescheid

Die Gründungsdirektorin und langjährige Leiterin des Dortmunder „Museums am Ostwall“, Leonie Reygers (1905 – 1985), war nicht nur eine Botschafterin der künstlerischen Moderne, sondern auch eine Pionierin der Kunstdidaktik. Mit einer umfassenden Ausstellung will das Baukunstarchiv NRW im kommenden Jahr diese Visionärin und Identitätsstifterin für das Bundesland Nordrhein-Westfalen in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach übergab heute (04.04.22) die Förderzusage des Landes NRW, welche das Ausstellungsprojekt erst ermöglicht.

04.04.2022

04.04.22

Übergabe des Förderbescheids durch NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach an Prof. Dr. Franz Pesch (m., Vorsitzender des Fördervereins Baukunstarchiv NRW) und Ernst Uhing (l., Vorsitzender der Gesellschafter des Baukunstarchivs NRW)
© Christof Rose / Architektenkammer NRW

Die Förderung erfolgt im Rahmen des Programms „Heimat-Zeugnis“ und beläuft sich auf 131.400 Euro – 90 Prozent der veranschlagten Gesamtkosten für das umfängliche Ausstellungskonzept, das durch ein breit angelegtes Rahmenprogramm zusätzliche Wirkung entfalten soll. Die Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen, Ina Scharrenbach, verwies auf die besondere Bedeutung von Leonie Reygers als Museumsgründerin und langjährige -direktorin, aber auch als Pädagogin und Vermittlerin von Kultur und Wissen an die jüngere Generation. „Ein wichtiges Projekt, mit dem die heute nach wie vor aktuellen Gedanken dieser in der Nachkriegszeit ungemein einflussreichen Frau in das kulturelle Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht werden sollen“, erklärte Ministerin Scharrenbach bei der Übergabe des Förderbescheids im Baukunstarchiv NRW.

Prof. Dr. Franz Pesch, der als Vorsitzender des antragstellenden Fördervereins für das Baukunstarchiv NRW in Dortmund den Bescheid entgegennahm, dankte der Ministerin für die Unterstützung „für ein wichtiges Projekt, das weit über Nordrhein-Westfalen hinaus Strahlkraft entfalten kann“.

Ernst Uhing, der Vorsitzende der Gesellschafter des Baukunstarchivs NRW, hob Reygers‘ besonderen Einsatz für den Wiederaufbau des kriegsgeschädigten Gebäudes am Ostwall 7 hervor. „Die Gründung des Museums am Ostwall erfolgte 1947 buchstäblich in Trümmern“, erinnerte Uhing. „Dass wir heute dieses wichtige Zeugnis der Baugeschichte als lebendigen Ort für das Baukunstarchiv NRW nutzen können, verdanken wir diesem Einsatz einer äußerst tatkräftigen und weitsichtigen Frau“.

Die Ausstellung „Im Lichthof der Avantgarden – Leonie Reygers und das Prinzip der Gleichzeitigkeit“ soll ab Februar 2023 im Baukunstarchiv NRW zu sehen sein. Kurator ist Christos Stremmenos, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Baukunstarchivs NRW. Anlass des Projektes ist das 75-jährige Jubiläum des einstigen „Museum am Ostwall“, in dem seit 2018 das „Baukunstarchiv NRW“ seinen Sitz hat.

Baukunstarchiv NRW

Neue Dauerausstellung: Impulse. Baukunst der Industriekultur

Ob Rathaus oder Siedlungshäuschen, Förderturm oder Energiespeicher, Kanal oder Verkehrsbauwerk: Die für das Ruhrgebiet spezifischen Großbauten der Industriekultur setzten Impulse für die gesamte Architektur in der Region. In einer neuen Dauerausstellung in Dortmund präsentieren der Regionalverband Ruhr (RVR) als Träger der „Route Industriekultur“ und das Baukunstarchiv NRW, das selbst Teil dieser Route ist, die vielfältigen Beziehungen zwischen Industriekultur und Baukunst. Die Ausstellung kann ab sofort dauerhaft in der Galerie des Baukunstarchivs NRW am Ostwall 7 in Dortmund kostenlos besucht werden.

24.09.2021

24.9.21

Dauerausstellung “Impulse. Baukunst der Industriekultur” im Baukunstarchiv NRW
© Detlef Podehl

24.09.21

„Die Architektur der Industriekultur des Ruhrgebiets hat unser Bundesland entscheidend geprägt und wirkt bis heute im Städtebau nach“, betont Ernst Uhing, Präsident der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen und Vorsitzender der Gesellschafter des Baukunstarchivs NRW. „Das Baukunstarchiv NRW ist mit seiner wechselvollen Geschichte selbst ein Beispiel dafür, dass die ‚Route der Industriekultur‘ nicht nur die Historie erlebbar macht, sondern auch die Gegenwart und Zukunft dieser wichtigen Architekturen.“

Die neue Dauerausstellung geht den städtebaulichen Dimensionen Wohnen, Verkehr, Industrie, Wasser und Stadt nach. Identifiziert werden insgesamt 24 Bauaufgaben, zu denen jeweils einzelne Objekte vorgestellt werden. „Baukunst der Industriekultur – das ist neben Industrieanlagen und Arbeitersiedlungen das ganze Spektrum großstädtischer Bauaufgaben vom Wohnblock bis zum Rathaus, vom Theater bis zur Kirche“, meinen die Kuratoren Ruth Hanisch und Wolfgang Sonne. Jedes Bauwerk ist durch eine Fotografie des bekannten Düsseldorfer Fotografen Matthias Koch und ein Modell der Modellbauwerkstatt der TU Dortmund sowie Texttafeln und historisches Referenzmaterial dargestellt. Die Fotografien zeigen den heutigen Zustand der Gebäude in ihrem baulichen Kontext. Matthias Kochs Architekturfotografie nimmt das bauliche Objekt immer ernst, geht aber in ihrer atmosphärischen Dichte über die reine Dokumentation weit hinaus. Die ergänzend präsentierten, dreidimensionalen Modelle fokussieren auf unterschiedliche Aspekte dieser Gebäude im Ursprungszustand und reichen im Maßstab vom Städtebau bis ins architektonische Detail.

er durch die Ausstellung geht, der bemerkt sofort, dass die gezeigten Gebäude alle noch in den einzelnen Städten prägend sind – in unterschiedlichster Nutzung. Die 24 Großbauwerke sind ein eindrucksvoller Beleg, wie die industrielle Architektur bis heute im Alltag der Menschen präsent ist. „Daher ist es für den Regionalverband Ruhr selbstverständlich, sich hier an diesem spannenden Ort als Träger der Route Industriekultur dauerhaft zu engagieren“, sagt Regionaldirektorin Karola Geiß-Netthöfel anlässlich der Ausstellungseröffnung. „So ist beispielsweise das Baukunstarchiv NRW, untergebracht im ehemaligen Gebäude des Landesoberbergamts am Dortmunder Ostwall, Bestandteil der Themenroute sechs der Route Industriekultur – Dortmund: Dreiklang – Kohle, Stahl, Bier.“

Das größte Modell – vom Oberhausen Gasometer – ist wie ein Tortenstück angeschnitten, um das Innere zu zeigen. Der Gasometer war ursprünglich ein rein technisches Bauwerk, wurde allerdings schon bei der Errichtung auch als ästhetisches Objekt wahrgenommen und dient heute als Ausstellungsgebäude. Weitere Beispiele des engen Austausches zwischen Baukunst und Industriekultur sind die Arbeitersiedlungen, etwa die Werksiedlung Eisenheim in Oberhausen; oder die Kirchenbauten für die Arbeiter aus Osteuropa wie die Heilig-Kreuz-Kirche in Gelsenkirchen. Ganz zentral ist die Infrastruktur – wie der Dortmund-Ems-Kanal und der Ruhrschnellweg -, die die Region überhaupt erst zusammenwachsen ließ und umso mehr eine spezifische regionale Ausprägung erhielt. Als Teil der Industriekultur nicht zu übergehen sind die Themen Bier und Fußball, die durch die Dortmunder Unionsbrauerei und das Stadion in Gladbeck repräsentiert werden.

Ergänzt wird die Präsentation der 24 Bauten durch Abreißzettel mit weiteren Informationen zur Architektur der Region, die auch zu Besuchen weiterer Objekte auf der „Route der Industriekultur“ anregen. Für Kinder gibt es ein Erkundungsprogramm mit Bilderrätsel – und eine Belohnung zum Mitnehmen.

Baukunstarchiv NRW, Ostwall 7, 44135 Dortmund
Öffnungszeiten: Di. – So. 14.00 – 17.00 Uhr; Do. 14.00 – 20.00 Uhr; Mo. Geschlossen
www.baukunstarchiv.nrw

Förderpreis

Interview: „Ein sensibler und respektvoller Umgang“

Architektur-Absolvent Antony Hans Widjaja, ging in Indonesien zur Schule, wo man häufig mit Hochwassern zu kämpfen hat. Dieser Eindruck ist in seine Arbeit eingeflossen, die er sehr erfolgreich für den Förderpreis 2021 eingereicht hat. Im Preisträgerinterview erläutert er seinen Entwurf.

06.09.2021

Holz & Hochwasser: Schreinerwerkstätte in Bukit Duri
© Anthony Hans Widjaja

Frage: Ihre Arbeit befasst sich mit den Themen „Holz und Hochwasser am Beispiel einer Anlage für Schreinerwerkstätten in Bukit Duri“ in Indonesien. Mit diesem Thema haben Sie angesichts der Hochwasserkatastrophe in Deutschland und angrenzenden Ländern ein Thema gewählt, das an Aktualität kaum zu übertreffen ist. Was hat Sie zu dieser Aufgabenstellung gebracht?

Die Flutkatastrophe hat uns deutlich die Macht der Natur vor Augen geführt. Anders als hier sind jährliche Überschwemmungen und das sogenannte fünfjährige Hochwasser in der indonesischen Hauptstadt Jakarta bereits ein wiederkehrendes Naturphänomen, dass das Leben aller Gesellschaftsschichten bestimmt. Im Stadtbezirk Bukit Duri, wo ich einige Jahre zur Schule ging, kommen zur Problematik der wiederkehrenden Fluten auch soziologische und politische Aspekte hinzu.

Außerdem sind in diesem Stadtbezirk viele Handwerksbetriebe angesiedelt, und es ist ein Ort von historischer Bedeutung der kolonialen Stadtgeschichte Jakartas. Besonders faszinieren mich die Bewohner: Die vielen Schreinereien und Handwerksbetriebe stellen sich gegen das Angebot der Stadt, in deutlich sicherere Stadtgebiete umzusiedeln, und kämpfen dafür, vor Ort zu bleiben – mit all den Schwierigkeiten und Risiken. Dieser Kampfgeist wird an vielen Stellen durch bauliche Formen sichtbar; improvisierte Gesten, die das Leben während der Flut erträglicher machen. In diesem komplexen Gefüge, dass einen sensiblen, respektvollen Umgang erfordert, sah ich eine interessante Aufgabe, mit der ich mich befassen wollte.

Sie haben das Thema Hochwasser an einem Holzbauprojekt für einen Standort in Indonesien bearbeitet. Können Sie aus Ihrer Arbeit auch für den Umgang mit Hochwasser in der europäischen Baukultur und Stadtplanung Erkenntnisse ziehen?

Anthony Hans Widjaja

Der Entwurf versucht zwar, auf die spezifischen Gegebenheiten des Ortes wie die lokale Baukultur und die klimatischen Bedingungen einzugehen, basiert aber auf einem Grundgedanken, der auch im veränderten Kontext funktioniert. Dieser stammt aus der Beschäftigung mit der Theorie im Bereich der vernakularen Architektur. Dabei übernimmt die Natur weder die Haupt- noch die Nebenrolle, sondern ist eine unaufhörliche, durchgehende Konstante, die es immer schafft, sich ihren Weg zu bahnen.

Um einen dauerhaften Lebensraum für Menschen zu schaffen, muss zuerst die Akzeptanz und Aussöhnung mit der Natur geschaffen werden; ein Ausgleich, der die Schönheit der Natur mit ihrer unbarmherzigen Seite in sich vereinbart. Alle Facetten der Natur aufzunehmen und sogar zu inszenieren, ist ein interessanter Gedanke – aber auch nur einer von den vielen Möglichkeiten in der Architektur.

Mit dem Förderpreis wurde Ihnen ein besonderes Talent attestiert. Was möchten Sie in Zukunft mit diesem Talent machen, wo sehen Sie selbst Ihre Stärken, und in welchem Bereich möchten Sie gerne arbeiten?

Diese Arbeit hat mich inspiriert, mich noch intensiver mit dem Thema Gleichgewicht und seinen Einflussfaktoren zu beschäftigen. Es existieren bereits viele großartige Werke dazu – davon möchte ich in der Zukunft noch mehr lernen. Besonders reizvoll sind eben solche Bereiche, die in vielseitiger Wechselwirkung stehen, wo Theorie und Praxis, Ingenieurskunst und Gestaltung, Wissenschaft und Kunst zusammenkommen. An solchen Schnittstellen möchte ich gerne tätig sein. Wo das konkret zur Anwendung kommt, wird die Zeit noch zeigen.  

Interview: Vera Anton-Lappeneit

Förderpreis

Interview: „The Journey of no return“

Die Stiftung Deutscher Architekten vergibt alle zwei Jahre den mit insgesamt 16 000 Euro dotierten Förderpreis an besonders begabte Absolventinnen und Absolventen der NRW-Architekturstudiengänge. Eine unabhängige Jury unter Vorsitz von Architektin Dagmar Grote wählte im Mai 2021 drei besonders talentierte Nachwuchs-Planerinnen und -Planer für den Förderpreis 2021 der Stiftung Deutscher Architekten aus. Einer der Preisträger: Felix Mayer, der mit seiner Arbeit „Dokumentationszentrum – Flucht, Vertreibung und Heimatverlust“, vorgeschlagen von Prof. Dipl.-Ing. Uwe Schröder (RWTH Aachen), überzeugen konnte.

06.09.2021

06.09.2021

Entwurf „Dokumentationszentrum – Flucht, Vertreibung und Heimatverlust“
© Felix Meyer

In Ihrer Arbeit befassen Sie sich mit den Themen Verlust und Vertreibung. Auf dem Grundstück des ehemaligen Anhalter Bahnhofs sollte ein Ort geschaffen werden, der sich all jenen Menschen widmet, die sich gezwungen sahen, ihre Heimat zu verlassen. Wie haben Sie sich – als junger Mensch, der vermutlich selbst keine Erfahrung mit dem Verlust von Heimat und Familie hat – dem Thema genähert und Ihre Entwurfshaltung entwickelt?

Richtig. Als Grundlage für die Bearbeitung habe ich mich mit individuellen, aber auch mit kollektiven Schicksalen auseinandergesetzt. Über den ganzen Prozess hat mich insbesondere eine Stelle in Carl Zuckmayers Autobiografie „Als wär’s ein Stück von mir“ nicht mehr losgelassen: „Die Fahrt ins Exil ist ‚the journey of no return‘. Wer sie antritt und von der Heimkehr träumt, ist verloren. Er mag wiederkehren – aber der Ort, den er dann findet, ist nicht mehr der gleiche, den er verlassen hat, und er selbst ist nicht mehr der gleiche, der fortgegangen ist.“

Um aus all den gesammelten Erkenntnissen sowie der tiefen Auseinandersetzung mit dem Ort eine entschiedene Haltung und eine konzeptionelle Essenz zu entwickeln, habe ich mir unterschiedliche Fragen prozessbegleitend gestellt: Wie kann die überzeitliche Thematik in der Architektur auftauchen? Welche Bedeutung spielt der unmittelbare Ort? Wie können räumliche Situationen den Zugang zur Thematik stärken? Welcher architektonische Ausdruck ist der Bauaufgabe angemessen?

Die Jury hat Ihnen ein besonderes Talent bestätigt. Ihr sensibler Umgang mit vielschichtigen und überzeitlichen Themen wird herausgestellt. Wo sehen Sie selbst Ihre Stärken?

Felix Mayer – Foto: privat

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich sehr intensiv mit Räumen und deren leiblicher Erfahrung auf den Menschen. Es ist für mich faszinierend, wie Räume auf subtile Weise Emotionen wecken können und uns dadurch nahetreten können. Die Architektur wird in dieser Hinsicht manchmal unterschätzt. Sie betrifft meiner Auffassung die ganze Bandbreite menschlicher Wirklichkeitserfahrungen und ist dadurch nicht auf eine intellektuelle Rezeption beschränkt oder gar an zeitliche Moden gebunden. Ein Phänomen, dem es sich meines Erachtens nach lohnt, mit eigenen Studien, Entwürfen und Projekten nachzugehen.

 „Durch die schöne Präsentation und die klugen Texte scheint eine Persönlichkeit durch, welche die Baukultur in Zukunft sicher bereichern wird“, so die Meinung der Jury. Welche Pläne haben Sie für Ihren weiteren beruflichen Werdegang?

Das Schöne sind für mich die unterschiedlichen Themen, mit welchen wir uns als Architekt*innen mit der Bearbeitung von Entwurf zu Entwurf an unterschiedlichen Orten beschäftigen dürfen. Für die berufliche Zukunft erhoffe ich mir zum einen, meine eigene Haltung im Entwurf weiterentwickeln zu können, und zum anderen die große Freude an der Architektur hoffentlich lange beibehalten zu dürfen.

Interview: Vera Anton-Lappeneit

Förderpreis

Film zum „Förderpreis 21“ jetzt online

Flucht und Vertreibung, Holz und Hochwasser sowie Kinder und der Tod – die angehenden Nachwuchs-Architektinnen und Architekten, die in diesem Jahr von der Stiftung Deutscher Architekten mit dem „Förderpreis 2021“ ausgezeichnet wurden, hatten sich mit anspruchsvollen Themen befasst. Was sie dazu motiviert hat, wie sie ihre Masterarbeiten angegangen sind und welche Pläne und Träume sie haben, schildern die drei Träger*innen des Förderpreises 2021 in dem Dokumentationsfilm zum Auszeichnungsverfahren „Förderpreis 2021 der Stiftung Deutscher Architekten“, der jetzt online zu sehen ist.

06.09.2021

Screenshot aus dem Dokumentationsfilm zum Förderpreis 2021
© AKNW

Felix Mayer (Stuttgart, Masterarbeit zu „Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung und Heimatverlust, Berlin“), Anna Constanze Mersmann (Düsseldorf, „Eine kurze Endlichkeit: Ein Kinderhospiz in der Stadt“) und Anthony Hans Widjaja (Aachen, „Holz & Hochwasser: Schreinerverkaufsstätte in Bukit Duri“), alle drei Absolventen des Masterstudiums an der RWTH Aachen, hatten die gleichrangigen, mit je 4.000 Euro dotierten Förderpreise im Mai 2021 im Baukunstarchiv NRW in Dortmund verliehen bekommen.

Der rund 30-minütige Film stellt die Preisträger sowie die vier Anerkennungen mit ihren Arbeiten und den Jury-Begründung vor. Die Anerkennungen erhielten Svenja Roßmöller (Berlin, RWTH Aachen: „Bedacht – Unterkunft für Obdachlose in Berlin“, 1.500 Euro), Hannah Torkler (Aachen, FH Aachen: „Zwischen Wasser und Land – Kultur und Freizeit in einem ehemaligen Trockendock in Kopenhagen“, 1.000 Euro), Henry Kirchberger (Münster, MSA, „Saatgutbibliothek + im Tagebau Hambach“, 750 Euro) und Sarah Bäumer (Siegen, Universität Siegen, „LAG (isl.) schichten – besucherzentrum in islands schwarzen lavafeldern“, 750 Euro). Die Vorsitzende der Jury, Architektin Dagmar Grote (farwick+grote, Ahaus/Dortmund), erläutert die Beurteilungskriterien. Außerdem werden alle eingereichten Arbeiten dokumentiert.

Ziel des Förderpreises der Stiftung Deutscher Architekten, einer Tochter der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen, ist es, den Nachwuchs zu motivieren, zu inspirieren und gute Architekturkonzepte öffentlich zu präsentieren. Das Auszeichnungsverfahren fand in diesem Jahr bereits zum 18. Mal statt.

„Architektur und Stadtplanung stehen in Zeiten der Pandemie und der Klimaschutzziele vor großen Herausforderungen, deshalb brauchen wir begabte junge Menschen, die unsere gebaute Umwelt von morgen engagiert gestalten und planen“, erklärte der Präsident der Architektenkammer NRW und Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutscher Architekten, Ernst Uhing. „Ich bin stolz darauf, dass wir mit unserem Förderpreis nun schon seit mehr als 30 Jahren angehende Architektinnen und Architekten auf ihrem Weg in den Beruf unterstützen können.“

Insgesamt 24 Arbeiten waren von Absolventinnen und Absolventen der Architekturfakultäten von neun nordrhein-westfälischen Hochschulen zum „Förderpreis 2021“ vorgelegt worden. Alle Bewerberinnen und Bewerber wurden von ihren Professor*innen als „besonders begabt“ eingeschätzt; der Vorschlag zur Teilnahme an dem Auszeichnungsverfahren erfolgte durch die jeweiligen Hochschullehrer*innen.

Die Jury unter Vorsitz der Architektin Dagmar Grote (farwick+grote, Ahaus/Dortmund) lobte die ausgezeichneten Arbeiten als Beispiele für die planerische Auseinandersetzung mit aktuellen, gesellschaftlich relevanten Fragestellungen, die mit großer Analysetiefe, Fachkompetenz und Einfühlungsvermögen zu originellen Lösungsansätzen geführt hätten.

Der Film ist abrufbar auf dem YouTube-Kanal der Architektenkammer NRW.

Förderpreis

Interview: „Ein freies, mutiges Konzept“

Die Stiftung Deutscher Architekten vergibt alle zwei Jahre Förderpreise an besonders begabte Absolventinnen und Absolventen der NRW-Architekturstudiengänge. Eine unabhängige Jury unter Vorsitz von Architektin Dagmar Grote vergab am 5. Mai 2021 die Förderpreis 2021 an drei besonders talentierte Nachwuchs-Planerinnen und Planer; außerdem wurden vier Anerkennungen ausgesprochen. Einen der drei (gleichrangigen) Förderpreise, die mit 3000 Euro dotiert waren, erhielt Anna Constanze Mersmann für ihre Arbeit „Eine kurze Endlichkeit – Ein Kinderhospiz in der Stadt“, die sie an der RWTH Aachen University vorgelegt hatte, vorgeschlagen von Prof. Dr. Carolin Stapenhorst.

06.09.2021

Eine kurze Endlichkeit – Ein Kinderhospiz in der Stadt
© Anna Constanze Mersmann

Frau Mersmann, in Ihrer Arbeit befassen Sie sich mit dem Thema „Sterben von Kindern“ und gestalten einen Ort für Kinder und ihre Familien auf dem letzten gemeinsamen Weg. Was hat Sie dazu gebracht, sich mit diesem bewegenden Thema zu befassen?

Das Thema Kinderhospiz löst in vielen Menschen im ersten Augenblick Unbehagen aus. Dass ein Kinderhospiz neben der letzten Station des Lebens ein schöner, unterstützender Ort ist, an dem täglich gelebt und gelacht wird, ist vielen nicht bewusst. Auf die individuellen Bedürfnisse und Situationen der Menschen einzugehen und so einen Ort zu schaffen, der sie unterstützt, war für mich eine besonders spannende Herausforderung. Dabei war mein Ziel, ein freies und mutiges architektonisches Konzept zu entwickeln, welches der Sensibilität des Themas gerecht wird.

Die Jury hat Ihnen ein besonderes Talent bestätigt. Sie haben in Ihrer Arbeit kreative Gestaltungskraft, gepaart mit einem guten Gefühl für menschliche Bedürfnisse und einer angemessenen Umsetzung in architektonische Formensprache gezeigt. Was bildet Ihrer Meinung nach die Basis für die Entwicklung eines guten architektonischen Konzepts?

Anna Constanze Mersmann – Foto: privat

Aus meiner Sicht ist das Bewusstsein, für wen man plant und wer die geplanten Gebäude nutzt, einer der wichtigsten Bausteine für einen guten Entwurf. Die Bedürfnisse der Nutzer eines Gebäudes zu analysieren, und die dadurch gefundenen Lösungsansätze in einem architektonischen Konzept zusammenzubringen, sind die Herausforderungen, denen ich mich auch in meiner Thesis von Beginn an gestellt habe. Das gilt meiner Meinung nach nicht nur für sensible Bau- oder Planungsaufgaben, sondern sollte grundsätzlich für uns als Architektinnen und Architekten von besonderer Bedeutung sein. So verändern sich beispielweise auch durch die Corona-Pandemie die Bedürfnisse der Menschen in den Bereichen Wohnen und Arbeiten. Dies sollte bei neuen Planungsaufgaben individuell betrachtet und in die Konzeptentwicklung einbezogen werden.

Welche Pläne haben Sie für Ihren weiteren beruflichen Werdegang? Welche Ziele möchten Sie als angehende Architektin erreichen?

Derzeit sammle ich Erfahrungen in einem großen Architekturbüro. Dort habe ich die Möglichkeit, spannende und herausfordernde Planungsaufgaben von der Konzeptfindung bis zur Realisierung zu begleiten. Für die Zukunft ist es mir wichtig, dass ich meine persönlichen Vorstellungen und Ideen nicht aus den Augen verliere und mich durch neue Impulse sowie den Austausch und Dialog über Architektur stetig weiterentwickle.  

Das Interview führte Vera-Anton Lappeneit

Förderpreis

Interview: „Die Architektur geht aus dem Terroir hervor“

Die Stiftung vergibt alle zwei Jahre Förderpreise an besonders begabte Absolventinnen und Absolventen der Architektur- und Stadtplaner-Studiengänge in NRW. Die unabhängige Jury unter Vorsitz von Architektin und Stadtplanerin Judith Kusch hat im Januar getagt und drei besonders talentierte Nachwuchsplanerinnen- und planer ausgewählt. Einen Förderpreis erhielten Stefan Otte und David Taffner für die Arbeit „60 % Steigung, 80 % Riesling, 100 % Terroir“, vorgeschlagen von Prof. i. R. Dipl. Ing. Bauassessor Rolf Westerheide von der RWTH Aachen.

12.07.2019

60 % Steigung, 80 % Riesling, 100 % Terroir
© Stefan Otte und David Taffner

Stefan Otte und David Taffner, die ausgezeichnete Arbeit befasst sich mit der besonderen Aufgabe, ein Weingut an der Mosel zu erweitern. Ein Weingut als Bauaufgabe ist für Planerinnen und Planer in NRW keine alltägliche Aufgabe. Haben Sie sich diese Aufgabenstellung selbst gesucht und gewählt? 

Wir haben beide einen familiären Bezug zur Mosel, von daher sind uns die Thematik und die Gegend gut bekannt. Davids Familie betreibt das Weingut, das wir in der Thesis erweitern und ergänzen; die Aufgabe ist also keine rein fiktive Idee. Wir wussten schon länger, dass wir unsere Master-Thesis gemeinsam erarbeiten wollten und haben uns im Vorfeld auch oft gefragt auf welche Bauaufgabe wir richtig Lust haben und welches übergeordnete Themengebiet uns wirklich interessiert. Ein Weingut bietet eine große Bandbreite an Räumlichkeiten, von funktionaler Produktion bis hin zu atmosphärischen Gasträumen – eine komplexe Aufgabe, an der wir großen Spaß hatten.  

Die Jury sieht in Ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag von außerordentlicher Qualität zur Fragestellung des Umgangs mit erhaltenswerter Bausubstanz im ländlichen Raum. Wie sehen Sie die Zukunft des ländlichen Raums und welchen Beitrag können Architektinnen und Architekten zum Erhält der regionalen Baukultur Ihrer Meinung nach leisten?

Große Städte und Ballungszentren werden weiterhin wachsen, umso wichtiger ist es, dass der ländliche Raum im Zuge dieser Entwicklung nicht abgehängt wird. Architektinnen und Architekten haben aufgrund ihrer Ausbildung das Fachwissen zu erkennen, wo und wie sich erhaltenswerte Bausubstanz identitätsstiftend nutzen lässt. Am Beispiel unserer Thesis ist dies das denkmalgeschützte Bestandshaus von 1518, für die meisten Einwohner Zell-Merl – auf den ersten Blick nur ein marodes, sanierungsbedürftiges Haus, für uns jedoch der Ausgangspunkt der gesamten Erweiterung und formal sogar Vorlage für den Ergänzungsbau. Die Verflechtung der Architektur mit den lokalen Gegebenheiten (Terroir) ist hier das wichtigste Instrument; ein anonymer Neubau, der überall stehen könnte, ist im ländlichen Raum sicherlich kontraproduktiv. Wie in unserem Fall lässt sich in ländlichen Regionen Deutschlands vielerorts an eine reiche Historie anknüpfen, die durch uns als Planer gesichert und ausgebaut werden sollte, um den Charakter eines Ortes weiter zu schärfen. Hierdurch wird die Identität gestärkt und ein Alleinstellungsmerkmal ausgebildet. Der ländliche Raum erfährt dadurch einen deutlichen Qualitätszuwachs und es wird ein Kontrastangebot zum anonymeren Stadtraum geschaffen.  

Welche Pläne haben Sie für Ihren weiteren beruflichen Werdegang? Möchten Sie ein eigenes Architekturbüro – vielleicht sogar gemeinsam – gründen oder sehen Sie Ihre Zukunft in einem anderen Bereich?

Momentan sammeln wir unabhängig voneinander unsere Erfahrungen in Büros mit spannenden und komplexen Bauaufgaben. Mindestens genauso wichtig wie ein schöner Entwurf ist es, die Qualitäten über den Planungs- und Bauprozess ins fertige Gebäude zu bringen. Das will gelernt werden. Die Selbstständigkeit können wir uns vorstellen, aber sie ist kein Muss. Wichtiger ist es uns eine Architektur zu entwerfen und zu bauen, die keinem Trend unterliegt, die bleibt. Ein eigenes Architekturbüro stellt zukünftig sicherlich eine reizvolle Option dar, um die eigenen Ideale möglichst unverfälscht in eine gebaute Realität verwandeln zu können. Zudem spielen die Lehre und der theoretische Diskurs in der Architektur eine wichtige Rolle für uns, da dies als Motor für Innovation dient und Zeit für eine tiefergehende Auseinandersetzung und Erforschung einer Fragestellung bietet.

Förderpreis

Interviw: „Eigene Handschrift für das Bauen auf dem Land“

Eine Strohschlafstätte für Stadtkinder faszinierte die Jury zum Förderpreis 2018 der Stiftung Deutscher Architekten. Die Stiftung vergibt alle zwei Jahre Förderpreise an besonders begabte Absolventinnen und Absolventen der NRW-Architektur- und Stadtplanerstudiengänge. Die unabhängige Jury unter Vorsitz von Architektin und Stadtplanerin Judith Kusch hat im Januar getagt und drei besonders talentierte Nachwuchsplanerinnen- und planer ausgewählt. Einen Förderpreis erhielt Sophia Rodermund für die Arbeit „Der Siebenschläfer – Übernachten in der alten Scheune“, vorgeschlagen von Prof. Dipl.-Ing. Ulrich Nether, Hochschule Ostwestfalen Lippe.

12.06.2019

Der Siebenschläfer – Übernachten in der alten Scheune
© Sophia Rodermund

Sophia Rodermund, Ihre ausgezeichnete Arbeit befasst sich mit einer auf den ersten Blick kleinen Bauaufgabe, die Sie mit großer Intensität durchgearbeitet haben. Wichtig war es Ihnen, die Einfachheit und den ländlichen Stil beizubehalten. Mit regionalen und ökologischen Materialien ist es Ihnen gelungen, mit der Umnutzung einer Scheune Stadtkindern die Natur wieder nahe zu bringen. Sind Fragen der Ökologie in der Verwendung von Innenraummaterialien ein Thema, das Sie in Ihrer beruflichen Zukunft auch weiterhin vertiefen möchten?

Sophia Rodermund: Es freut mich, dass dieses Thema einen so großen Anklang gefunden hat. Der Aspekt der ökologischen Nachhaltigkeit beginnt bereits in den benachbarten Bereichen, in der Stadtplanung und der Architektur. Die Innenarchitektur ist für mich deshalb so spannend, weil dort, insbesondere durch die Auswahl der Innenraummaterialien, viele direkte Berührungspunkte zu den Nutzern geschaffen werden.

Bereits während meiner Bachelorarbeit habe ich mich mit der Verwendung von ökologischen Materialien im Innenraum auseinandergesetzt und mir die Frage gestellt, wie diese das Raumklima positiv beeinflussen können. Bei allen darauffolgenden Projekten war es mir ein großes Anliegen, dieses wichtige Thema zu berücksichtigen.

Das Interesse ist groß, mein Wissen über die Verwendung traditioneller Baumaterialien zu vertiefen, insbesondere wenn es um den Einsatz und das Potenzial des Lehmbaus in der modernen Architektur geht. Gleichzeitig interessiert mich die Frage, wie der Gebrauch von ökologischen Baumaterialien auch bei architektonischen Großprojekten im städtischen Raum berücksichtigt werden kann.

Die Jury hat Ihre Innenraumwelten von „bezaubernder atmosphärischer Dichte“ gelobt. Insgesamt wird Ihnen ein handwerklich hervorragendes Niveau und ein verblüffendes Vermögen, ihre Entwurfsideen anschaulich greifbar zu machen, attestiert. Wo sehen sie selbst Ihre Stärken?

Während des Studiums habe ich eine große Leidenschaft für die zeichnerische Plandarstellung und dreidimensionale Visualisierung entwickelt. Dabei ist mit der Zeit der Ehrgeiz in mir gereift, eine eigene Handschrift entstehen zu lassen. Mein Interesse an der klassischen Illustration und Fotografie haben darauf großen Einfluss genommen und dafür gesorgt, dass sich digitale und analoge Medien an einigen Stellen überschneiden und vermischen.

Ich freue mich, dass diese Art der bildhaften Gestaltung so gut angenommen wurde. Es ist von großer Bedeutung, dass Darstellungen geschaffen werden, welche die Intention des Entwurfs und die vorherrschende Atmosphäre richtig vermitteln. So entsteht eine hervorragende Möglichkeit, Entwürfe dem Kunden zugänglich zu gestalten und ihn zu begeistern.

Welche Pläne haben Sie für Ihren weiteren beruflichen Werdegang? Möchten Sie ein eigenes Innenarchitekturbüro gründen – oder sehen Sie Ihre Zukunft in einem anderen Bereich?

Ich kann mir durchaus vorstellen, mich in meinem späteren Berufsleben auf das Bauen im Bestand zu konzentrieren, und möchte deshalb zunächst etwas grundlegende Berufserfahrung sammeln. Während meiner Recherchen im Zuge der Masterarbeit ist mir deutlich geworden, dass der Leerstand im ländlichen Raum ein großes und vielschichtiges Potenzial darstellt. Da ich selbst auf dem Dorf aufgewachsen bin, wird mich auch in Zukunft die Frage beschäftigen, inwiefern Bauaufgaben im ländlichen Raum dazu beitragen werden, Orte für die Bevölkerung zu erhalten und sie langfristig daran zu binden. Ich möchte Räume schaffen, mit denen sich die Gesellschaft auch morgen noch identifizieren kann.

Förderpreis

Interview: Der „digital turn“ und das Verschwinden der Dinge

Die Stiftung Deutscher Architekten vergibt alle zwei Jahre Förderpreise an besonders begabte Absolventinnen und Absolventen der NRW-Architekturstudiengänge. Die unabhängige Jury unter Vorsitz von Architektin und Stadtplanerin Judith Kusch hat im Januar getagt und drei besonders talentierte Nachwuchs-Planerinnen und Planer ausgewählt. Einen Förderpreis erhielt Jan Hafner für die Arbeit „The Other Place – Das Haus der Kulturen der digitalen Welt“, vorgeschlagen von Prof. Dipl.-Ing. Holger Hoffmann, Bergische Universität Wuppertal.

15.05.2019

Jan Hafner, Förderpreisträger 2018, vor seinem Entwurf „The Other Place – Das Haus der Kulturen der digitalen Welt“
© Detlef Podehl

Herr Hafner, Ihre Arbeit befasst sich mit dem „digital turn“ und dem damit in Zusammenhang stehenden Phänomen des Verschwindens der Dinge. Die daraus entstehende funktionale Befreiung des Raums zugunsten atmosphärisch geprägter Raumkompositionen sind Grundlage Ihrer Entwurfsidee. Ist die Digitalisierung ein Thema, das Sie beruflich auch weiterhin vertiefen möchten?

Ich halte es in jedem Fall für wichtig den stark wachsenden Einfluss der Digitalisierung auf den Lebenswandel unserer Gesellschaft und der Arbeitswelt ernst zu nehmen. Für mich als Architekten bedeutet das stets Schritt mit der rasant fortschreitenden technologischen Entwicklung zu halten. Deshalb sehe ich unter anderem den selbstverständlichen Umgang mit digitalen Entwurfs- und Darstellungswerkzeugen und die damit verbundene Fähigkeit intelligente Entwurfsmodelle zu erstellen für die Konkurrenzfähigkeit im Berufsfeld als unabdingbar an.

Inhaltlich interessieren mich aber, wie auch in meiner Abschlussarbeit, eher die ursprünglichen Motive der Disziplin – das Entwerfen und Erfahren besonderer Räume.

Leider ist, gerade in der größtenteils von wirtschaftlichen Interessen getriebenen Baukultur Deutschlands, eine Vorliebe zur Minimallösung zu beobachten. Dieses Phänomen führt – zumindest nach meinem Verständnis – letztendlich zur Degeneration des Architekturbegriffs.

Ich freue mich, wenn ein schwindender funktionaler Anspruch an den gebauten Raum und eine neue Wertschätzung der sinnlichen Erfahrung von Raum uns Entwerfern wieder die Möglichkeit gibt unser Augenmerk verstärkt auf die künstlerisch-ästhetischen Fragestellungen der Materie zu legen.

Die Jury hat Ihnen ein besonderes Talent bestätigt. Sie seien ein Gesamtpaket, kreative Gestaltungskraft, architektonische Produktivität und ein feiner Intellekt greifen vorbildlich ineinander. Wo sehen Sie selbst Ihre Stärken?

Grundsätzlich halte ich ein hohes Durchhaltevermögen und eine gewisse Hartnäckigkeit bei der Lösung spezifischer Problemstellungen für Voraussetzungen, um ein Architekturstudium nicht nur erfolgreich zu bestehen, sondern die Materie in ihrer ganzen Komplexität und Tiefe durchdringen zu können.

Auch „weiche“ Faktoren, wie eine genaue Beobachtungsgabe und die Geduld sich mit allen Sinnen auf Raumsituationen und Atmosphären einzulassen, spielen meiner Ansicht nach eine wichtige Rolle.

Durch meine handwerkliche Ausbildung und die eingehende Beschäftigung mit 3D-Modeling-Tools schon zu Beginn des Architekturstudiums hatte ich die Möglichkeit, relativ früh sowohl ein räumliches und technisches Grundverständnis, als auch eine hohe Präzision bei der Fertigung von Zeichnungen und Modellen entwickeln zu können.

Welche Pläne haben Sie für Ihren weiteren beruflichen Werdegang? Möchten Sie ein eigenes Architekturbüro gründen oder sehen Sie Ihre Zukunft in einem anderen Bereich?

Zunächst möchte ich auf meine Kammerzulassung hinarbeiten. Ich bin zurzeit bei einem kleinen aufstrebenden Architekturbüro in Düsseldorf angestellt und habe dort das seltene Glück an wirklich spannenden Projekten, die sich jenseits des – in den vorwiegend kommerziell eingestellten Büros im weiteren Umkreis herrschenden – Standards bewegen, mitfeilen zu dürfen.

Ein eigenes Büro ist für mich derzeit kein gesetztes Ziel, jedoch durchaus vorstellbar.  In meiner Studienzeit hat sich ein Kollektiv einiger besonders ambitionierter Studenten aus unterschiedlichen Semestern zusammengefunden, das bis heute besteht und regelmäßig zusammenarbeitet, an Wettbewerben teilnimmt und den theoretischen Diskurs pflegt. Ich fände es sehr spannend aus dieser Dynamik heraus früher oder später ein auch wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen entstehen zu lassen.

Auch aufgrund meiner Ausbildung zum Tischler, interessiere ich mich sehr für artverwandte Disziplinen wie Objekt- und Möbeldesign. Ich kann mir gut vorstellen in Zukunft ein Betätigungsfeld zu erschliessen, in dem ich die Möglichkeit habe, die künstlerischen und entwerferischen Inhalte des Architekturstudiums mit Tätigkeiten aus dem Bereich der handwerklichen und digitalen Fertigung zu verbinden.