Meldungen

Krankenhauskapelle Mannheim, 1966 - Foto: Alexander Bartscher

Zwischenbericht zur Promotion über Carlfried Mutschler: "Baukunst - Kunst am Bau"

Schon in den vorherigen Artikeln, die im Rahmen meiner Dissertation zu Carlfried Mutschler (1926-1999) erschienen sind, wurde die besondere Affinität des Architekten zu den zeitgenössischen Tendenzen bildender Kunst benannt. In dieser Ausgabe nun möchte ich diese immer wieder betonte Besonderheit  seines Schaffens etwas eingehender betrachten.

Die Auseinandersetzung mit den Werken bildender Künstler im Bauen kann tatsächlich als eine der wesentlichen Konstanten in Mutschlers Architektur angesehen werden. Von den ersten bis zu den letzten Werken findet sich eine stets benannte Zusammenarbeit mit einem oder mehreren Künstlern. Die Art und Weise mit der Mutschler die künstlerischen Arbeiten in seine Architekturen integriert, gibt nicht nur Aufschluss über persönliche Präferenzen und Werkphasen von Architekt und Künstler, sondern lässt auch Rückschlüsse auf übergeordnete gesellschaftliche und architektonische Zusammenhänge zu.

Kritik an der Moderne

Auch vermittelst dieser Kollaborationen äußert Mutschler seine Kritik an einer erstarrenden, funktionalistischen und technoiden Moderne. Im bauplastisch-künstlerisch raumgreifenden Schaffen sieht Mutschler den Wesenskern einer modernen Architektur: „Indem sich die Architektur zu Anfang dieses Jahrhunderts mit der Besinnung auf ihre elementare Aufgabe vom Ballast überkommener, sinnloser Formen reinigte, löste sich notwendigerweise die Verbindung zwischen ihr und den bildenden Künsten.

Heute ist das Bauen infolge dieser Prozedur in Gefahr, einem ingenieurmäßig standardisierten, vom Detail her gedachten Schematismus zu verfallen, d.h. sich in technischer Brillanz aufzulösen. Die Beherrschung funktioneller und technischer Möglichkeiten ist aber nicht Erfüllung, sondern Voraussetzung – Architektur ist räumlich-plastisches Ereignis. Dem Architekten ist es a priori aufgegeben, sein Werk von innen nach außen zu entwickeln – das entscheidende künstlerische Problem aber ist die Auseinandersetzung mit dem Raum und seiner plastischen Ausformung. ln dieser Situation erhalten die Werke der Bildhauer und Maler wieder eine besondere Bedeutung im architektonischen Spiel. Die vielfachen Versuche allerorts, aus der Bildtafel oder dem plastischen Volumen heraus zu einer Weiterführung in der architektonischen Großform zu kommen, treffen sich mit unseren Intentionen, bestimmte Raumvolumen durch Plastik und Malerei sichtbar zu machen.“ (Mutschler 1965, Vortrag an der Akademie der Künste, Düsseldorf)

Schon zu Beginn seiner Laufbahn kommt Mutschler mit den Protagonisten einer sich neu in Deutschland formierenden künstlerischen Avantgarde in Kontakt. In den frühen fünfziger Jahren gründet Mutschler sein erstes Büro in Frankfurt am Main, über seine Frau Isolde erschließen sich ihm hier Verbindungen zur mäzenatisch tätigen Industriellenfamilie Schleussner. Erste Aufträge für die Werksgebäude der Schleussner-Fotowerke GmbH sichern den Lebensunterhalt, und das aufstrebende kulturelle Umfeld der wiedererstehenden Stadt bietet dem jungen Architekten einen intellektuellen Nährboden.

Eine neue Richtung

1952, ein Jahr vor Mutschlers Bürogründung, kam es in Frankfurt zur ersten öffentlichen Gruppenausstellung gänzlich gegenstandsloser Malerei in der Zimmergalerie Franck. Auch wenn Mutschler wohl nicht persönlich Zeuge dieses für die deutsche Nachkriegskunst nicht unbedeutsamen historischen Ereignisses geworden ist, so steht doch fest, dass er schon bald in Kontakt mit den um Frankfurt ansässigen Protagonisten dieser „Neuexpressionisten“ -später als „Quadriga“- benannten Ausstellung gekommen ist. Seit dieser frühen Frankfurter Zeit lässt sich das unmittelbare, oftmals freundschaftliche Verhältnis zu vielen bildenden Künstlern in Mutschlers Leben nachvollziehen. Mutschlers stets im Wandel begriffene umfangreiche eigene  Sammlung zeitgenössischer Malerei und Plastik gibt hiervon Zeugnis.

Wenige Jahre später, im Winter 1957/1958 findet in der Kunsthalle Mannheim die Ausstellung „Eine Neue Richtung in der Malerei“ statt. Die Werke von den Künstlern der Frankfurter „Quadriga“, Schultze, Kreutz, Greis und Götz stehen nunmehr neben abstrakt-expressionistischen Werken teils noch jüngerer Künstler im Rampenlicht einer bereits viel größeren Öffentlichkeit. Der Begriff des Informel hat sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht verallgemeinernd über die unterschiedlichen Ausdrucksweisen der Bildschaffenden gestülpt. Spätestens im Umfeld dieser Ausstellung aber kommt Mutschler mit den Künstlern zusammen, die auch seine Bauten prägen sollten: hierzu zählen die Maler Winfred Gaul, Erwin Bechtold, Karl Fred Dahmen und insbesondere der Bildhauer Otto Herbert Hajek, dessen kleinformatigen „Raumknoten“ einen bleibenden Eindruck auf Mutschler machten.

Raum und Plastik

Die über gut vier Jahrzehnte konstant wiederkehrende Zusammenarbeit mit Hajek erlaubt es in besonderem Maße, die Entwicklung von Mutschlers Verhältnis der Kunst zum Bau nachzuvollziehen. Steht die bildhauerische Arbeit zu Beginn der Zusammenarbeit, wie etwa am Haus Oechsner (1958), noch in tradiertem Sinne an spezifischer Stelle neben oder vor der Architektur, so lässt sich schon bald eine Emanzipation der Plastik erkennen. Bereits im ersten öffentlichen Gebäude Mutschlers, dem Finanzamt in Villingen (1956-1962), übernimmt Hajeks Arbeit „Räumliche Wand“ eine raumbildende Aufgabe, indem sie als durchbrochene, dennoch körperhaft-massive Scheibe dem Eingang des Verwaltungsgebäudes das nötige optische Gewicht verleiht.

In den folgenden gemeinsamen Arbeiten verschmelzen Architektur und Plastik immer mehr zu einer ganzheitlich empfundenen Gesamtform. Das eigene Wohnhaus, insbesondere aber die beiden Mannheimer Betonkirchen Mutschlers geben Zeugnis von diesem unmittelbaren Ineinandergreifen der verschiedenen Kunstformen. Auch mit dem Blick auf Hajeks weitere, vielfältige Arbeiten im architektonischen Kontext zeigt sich hier eine seltene Selbstverständlichkeit der architektonisch–plastischen Wechselwirkung. Die stark reliefierten Innen – und Außenwände etwa der Lukaskirche erzeugen ein ungemein dichtes atmosphärisches Raumgefüge.

Die Erzeugung einer solchen Dichte und Wirkung ist für Mutschler keine Frage des Maßstabes. Über seine städtebaulichen Entwürfe städtebaulicher „Konglomerate“ schreibt er 1965:  „Die plastische Vorstellung des architektonischen Raumes kann nur im Zusammenhang mit der Entwicklung im wissenschaftlichen und künstlerischen Denken unserer Zeit gesehen werden. Raum und plastische Form ist wie Ein- und Ausatmen. Das eine kann ohne das andere nicht sein, Raum und Plastik, Positiv und Negativ, Durchdringen von Innen und Aussen, jede Form auf die benachbarte bezogen, Ruhiges und Bewegtes, Bergendes auf Offenes, gleichwertige Teile eines Ganzen und Großen. Diese Gesetzmäßigkeiten sind auch nicht von der großen Zahl umzuwerfen.“ (Mutschler 1965)

In den späten 60er und 70er Jahren entwickeln Mutschlers Bauten selbst eine immer stärkere skulpturale Ausprägung und lassen für eine weitere künstlerische Aufladung und Verdichtung nur noch vergleichsweise wenig Spielraum. Folgerichtig kommt auch der Kunst am Bau nunmehr eine eher komplementäre, additive Rolle im Gesamtgefüge zu. An den organisch geschwungenen Wänden der Städtischen Krankenhauskapelle ist nur noch Platz für einen kleinen Tabernakel von Hajek und die Multihalle, Mutschlers Opus Magnum von 1975, ist räumlich derart dominant, dass künstlerische Interventionen allein schon in Anbetracht des Maßstabes hier kaum bestehen können.

Fassade als Kunst

Doch auch in den späteren Arbeiten des Architekten finden sich bemerkenswerte Beispiele für eine weitgehende Synthese von Kunst und Architektur, wenn auch unter ganz anderen Voraussetzungen als in den früheren Jahren. Die gemeinsame Ausarbeitung der Fassaden des Reiss-Museum (Entwurf 1978, Fertigstellung 1988)mit dem Maler Erwin Bechtold stellt einen völlig neuen Sinnzusammenhang von Architektur und Kunst her. Strebte in früheren Arbeiten stets die Architektur zur Plastik, so ist es nun die Malerei, die Architektur zu werden sucht.

Die extrem flächige Ausbildung der vorgehängten Natursteinplatten gibt der Fassade eine stark grafische Wirkung, das Motiv des Risses erhält im Zusammenhang mit einem archäologischen Museum zudem einen ausgeprägt narrativen Charakter.

Die großflächige Arbeit von Bechtold kann als Versuch Mutschlers betrachtet werden, die typisch postmodernistische Fragestellung nach dem Ausdruck eines Gebäudes in einer zu seinem früheren Werk konsistente Weise zu beantworten.

Relevante Themen

Architektur-Qualität geht alle an

Zur Förderung von hervorragender Architektur und dem Nachwuchs in NRW wurde 1985 die Stiftung Deutscher Architekten gegründet, deren Arbeit nur dank zahlreicher Spenden möglich ist.

spenden

Ein Baukunstarchiv für NRW

Die Stiftung Deutscher Architekten hat die Initiative ergriffen, im ehemaligen Museum am Ostwall in Dortmund ein zentrales Archiv für Architektur und Ingenieurbaukunst in NRW zu schaffen.

mehr erfahren