Sommerseminar 2003
Nachwuchs-Architektinnen und Architekten präsentieren Ideen für den „Dreiländerpunkt“
Ein Aussichtsturm, ein Souvenirkiosk, Ausflugsrestaurants im Stil der 70er Jahre - wer den "Dreiländerpunkt" auf dem Vaalser Berg heute ansteuert, hat den Eindruck, dass hier die Zeit stehen geblieben ist. Das Ambiente dieses symbolstarken Ortes, der im Schnittpunkt der "Euregio" rund um Aachen liegt und Sinnbild für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen Deutschland, Belgien und den Niederlanden ist, wird einer hochrangigen Touristenattraktion nicht gerecht. Unter dem Motto "Grenzen überschreiten" stellten sich im Rahmen des diesjährigen Sommerseminars der Stiftung Deutscher Architekten 32 Nachwuchs-Architektinnen und Architekten aus drei Ländern vom 16. bis 18. Juli der Herausforderung, den Symbolwert dieses Ortes herauszuarbeiten und neu zu inszenieren.
Drei Tage (und vielfach auch Nächte) intensive Arbeit am Thema "Grenzen überwinden" : Sommerseminar der Stiftung Deutscher Architekten am Dreiländerpunkt bei Aachen - Foto: V. Anton-Lappeneit
Das Sommerseminar-Zelt der Stiftung Deutscher Architekten, aufgestellt am "Dreiländerpunkt" zwischen Aachen, Maastricht und Eupen, war Schauplatz einer dreitägigen Workshop-Arbeit, bei der die jungen Absolventen der Fachrichtungen Architektur, Innenarchitektur, Landschaftsarchitektur und Stadtplanung aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden konkrete Vorschläge zu einer Neu-Inszenierung dieses Ausflugsziels erarbeiteten.
Grenzen erfahren und überwinden
Erfahrene Architekten aus drei Ländern als Betreuer der Seminargruppen (v.l.): Architekt Christian Kieckens (Brüssel), Architektin Eva von der Stein (Aachen), Innenarchitekt Ulrich Nether (Düsseldorf), Architekt/Stadtplaner Thomas Schüler (Düsseldorf) und Landschaftsarchitekt Pieter Kromwijk (Maastricht) - Foto: T. Saltmann
Zentrale Überlegung der Seminarteilnehmer war, dass im Mittelpunkt eines Aktivierungskonzeptes für den Dreiländerpunkt die Erfahrbarkeit des Ortes stehen müsse: Die mangelnde Spürbarkeit einer Identität und die Nicht-Erkennbarkeit der Ländergrenzen wurde als großes Defizit empfunden. Daher galt es zunächst, der Identität und Kultur des Ortes auf den Grund zu gehen, um so Inhalte für seine Neu-Inszenierung finden zu können. Einig waren sich die angehenden Architektinnen und Architekten auch darin, dass bei der Neudefinition des Dreiländerpunktes nicht die touristische Spaßkultur im Vordergrund stehen dürfe, sondern eine langfristige, nachhaltige Nutzung angestrebt werden müsse.
Für die planerische Arbeit teilten sich die Seminarteilnehmer in sechs Gruppen auf, die jeweils von einem erfahrenen Kollegen bzw. einer erfahrenen Kollegin betreut wurden. Obgleich die Gruppen unterschiedliche Handlungsansätze wählten und ihre Konzepte bisweilen stark differierten, gab es doch einen gemeinsamen Tenor der Arbeiten: Die Grenzverläufe zwischen Deutschland, Belgien und den Niederlanden, deren Zusammentreffen ja den "Drielandenpunt" ausmachen, müssten deutlich herausgearbeitet werden.
Unsichtbares spürbar machen
Konzept "Grenz wandel(n)" : schwebende Stege und illuminierte Waldabschnitte eröffnen neue Perspektiven - Foto: T. Wermuth
Dabei könne es nicht darum gehen, so die Seminaristen, mit rückwärtsgewandtem Blick längst überwundene Grenzzäune neu zu setzen. Vielmehr müsse der Ort die europäische Einigung, die transnationale Kooperation und die Selbstverständlichkeit, mit der wir heute die Unsichtbarkeit von Grenzen wahrnehmen, spürbar und erlebbar gemacht werden. Die Gruppen lösten diese Aufgabe auf ganz unterschiedliche Weise.
" 3 x 1 = 1" : Ein neues Gebäude im Schnitt der Platzes, das je in einem Segment ein Land repräsentiert. Charmante Idee: Besucher bringen landestypisches "Schmuggelgut" mit und bestücken so nach und nach in Eigenregie ihr Landeshaus am Grenzpunkt. - Foto: T. Saltmann
Mit seiner abwechslungsreichen Landschaft, der bewegten Topografie, den durch die Vegetation verlaufenden Grenzen und Übergängen birgt der Dreiländerpunkt nach Auffassung einer Arbeitsgruppe Potenziale, die für den Besucher sichtbar und erlebbar werden sollen. Dafür sollten die bestehenden Wege zurückgebaut und stattdessen Stege über die Grenzen gelegt werden, die über dem Boden schweben und farbig beleuchtet sind.
Entlang der Stege, auf denen der Besucher wandelt, könnte die umgebende Landschaft durch farbige Illumination zusätzlich spannungsreich inszeniert werden. Ausgangspunkt der Stege wäre ein europäischer Platz, der für Events und Feste, Ausstellungen und Aufführungen, Information und Diskussion genutzt werden solle.
Ähnlich auch der Ansatz, den eine weitere Gruppe unter dem Titel "3 x 1 = 1" präsentierte. Mit dem Verschwinden der politischen Grenzen, so die Gleichung dieser Gruppe, wachse die Bedeutung der kulturellen Grenzen.
Die unterschiedlichen Identitäten sollen gebündelt und einander gegenüber gestellt werden. Auf dem Grenzpunkt entsteht nach diesem Vorschlag ein Gebäude, aus dem der Grenzraum ausgeschnitten wird, so dass sich drei Einzelgebäude herausbilden. Jedes Land wird jeweils in einem Drittel repräsentiert.
Kommunikation zwischen Dreien
Die Erkenntnis, dass der Dreiländerpunkt selbst wie auch die Grenzen im Umfeld kaum erfahrbar sind, führte eine andere Gruppe zu dem Konzept, den Dreiländerpunkt mit einem großen Platz hervorzuheben und die Grenzen mit Leuchtdioden zu versehen, auf denen ein "Grenzgehen" und ein Besuch der auf den Grenzen stehenden Pavillons möglich wird. Die Pavillons auf dem Boulevard bieten Gastronomie, Informationen, Geschichte, hier findet (Grenz-)Kommunikation statt.
Arbeit an drei Tagen fast rund um die Uhr: So entspannt wie bei dieser Arbeitssitzung im Wald ging es nur selten zu. Am dritten Tag wurden die Ergebnisse der Arbeits-
gruppen in einer Pressekonferenz öffentlich präsentiert, so dass mehrere Teilnehmer in der letzten Nacht durcharbeiteten. -
Foto: V. Anton-Lappeneit
Die Leuchtdioden entlang der Grenzen sind perlenartig aufgereiht und verdichten sich immer mehr zu einer Linie, je näher sie dem Dreiländerpunkt kommen. Als flaches Amphitheater angelegt, stellt dieser einen idealen Platz zur Kommunikation dar, auf dem Festivals und Märkte veranstaltet werden.
Der grüne Freiraum bis zum neuen Aussichtsturm über der Eisenbahn eröffnet Ausblick in die Landschaft und Einblick in den vorhandenen Tunnel.
Jenseits von Grenz-Dimensionen
Neben diesen konkreten und realisierbar scheinenden Vorschlägen erarbeiteten einige Gruppen auch Konzepte, die sich der Thematik auf einem abstrakteren Niveau näherten. So schlug eine Gruppe vor, einen Weg zu gestalten, der die Grenzen immer wieder überschreitet und zwischen den Ländern mäandert. An den Schnittpunkten werden die Grenzen erfahrbar gemacht und Geschichte(n) erzählt. Die Orte dieser Stationen folgen einem zum Dreiländerpunkt hin dichter werdenden Rhythmus, der schließlich so dicht wird, dass sich der Weg in die dritte Dimension erhebt - dabei führt er auch in der Luft die fortwährende Überschreitung der Grenzen weiter.
"It's already there" , meinte eine weitere Gruppe von Workshop-Teilnehmern und stellte die starke metaphorische Bedeutung des Dreiländerpunktes in den Mittelpunkt. Bei diesem handele es sich nicht nur um einen geographischen Schnittpunkt, sondern um das Zusammentreffen dreier nationaler Identitäten. Damit sei das natürlich Thema des Dreiländerpunktes die Thematisierung, Darstellung und Diskussion der länderspezifischen Charakteristika.
Unter dem Titel "surface topographique" entwickelten andere Seminarteilnehmer eine interkulturelle Szenographie. Dabei würde das Plateau des Dreiländerpunkts als "Paysage transfrontalier" , als transnationales Feld aufgefasst, auf dem drei bandförmige Oberflächen neue Situationen erzeugen, Orte von historischer Bedeutung markieren und Ausblicke in die drei Länder ermöglichen würden.
Ambitioniertes Ziel erreicht
Das ambitionierte Ziel des Sommerseminars war es, den Dreiländerpunkt als Ort neu zu überdenken, seine Entwicklungsmöglichkeiten zu eruieren und Vorschläge für eine Neugestaltung zu entwickeln. Dass dies den Teilnehmern in besonderer Weise gelungen ist, konnte der Hauptgeschäftsführer der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen und der Stiftung, Hans-Ulrich Ruf, in der abschließenden Pressekonferenz nur bestätigen: "Es ist immer wieder frappierend, wie bei diesen Seminaren in kürzester Zeit für diese anspruchsvolle Aufgabenstellung bemerkenswerte Ergebnisse entstehen, auf denen weitere Planungen aufbauen können." Auch Ralf P. Meyer, Geschäftsführer der EuRegionale 2008, zeigte sich begeistert: "Die Ergebnisse können sich sehen lassen, sie sind für unsere weitere Arbeit von großem Wert."
Die Stiftung Deutscher Architekten dokumentiert das Sommerseminar 2003 in einer Broschüre, die Sie schriftlich bestellen können bei der Architektenkammer NW, Zollhof 1, 40221 Düsseldorf, Fax: (02 11) 49 67 99, info@aknw.de
gas/ros
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