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Personalwohnhäuser Bad Salzuflen

Personalwohnhäuser Bad Salzuflen: Deilmanns erste große Wohnanlage, orientiert am dänischem Vorbild. Foto: A:AI/Nachlass Deilmann

S. Rethfeld: Wohnwelten für morgen

Dritter Zwischenbericht von Stefan Rethfeld:
Die zentrale Frage nach der architektonischen Gestalt stellt sich für Harald Deilmann von Beginn an auch in zahlreichen Wohnprojekten. Analog zu ersten freistehenden Wohnhäusern, die sein Büro vornehmlich in Münster und Westfalen errichtet (vgl. zweiter Zwischenbericht von Stefan Rethfeld), entwickelt er mit seinem Büro ab 1955 eine Reihe neuartiger, verdichteter Wohnanlagen. Einer Kategorisierung in Einfamilien- und Mehrfamilienhäuser entzieht er sich früh, da er von Grund auf an einer Neuprogrammierung von Wohnformen interessiert ist.

Erstes direktes Anschauungsmaterial liefern ihm – wie vielen seiner Generation – hier 1957 die Interbau-Projekte im Berliner Hansaviertel. Beeindruckt von der städtebaulichen Zuordnung, den differenzierten Baukörpern und Grundrissen sowie der Material- und Farbwahl zeigt die Bauausstellung eindrucksvoll für Deilmann einen Weg auf, wie ein neues Bauen aus „unseren in Schematismus und Phantasielosigkeit erstarrten, unbefriedigenden Auf- und Neubaumaßnahmen herausführen könnte“.

Früh wendet er sich gegen eine ”l‘art pour l‘art”-Architektur, fordert stattdessen eine ”l‘art pour l‘homme”, ein Bauen für den Menschen – und beobachet unruhig das Baugeschehen. Rasch gelingt es ihm, für eine wachsende Zahl von Bauherren Wohnbauprojekte zu entwickeln. So zunächst im Kontext von Krankenhausplanungen (Bad Salzuflen/Engelskirchen, 1956; Bad Driburg, 1960), dessen Raumprogramme jeweils auch nach Personalwohnhäusern in größerer Anzahl verlangen. Wenig später auch für einzelne private Unternehmen, für die er Werkswohnungen entwickelt (Fraling, Nordwalde, 1965; Füchter, Münster, 1966).

Als er 1963 an die TH Stuttgart berufen wird, kann er die bereits im Büro begonnene Forschung im eigenen Lehrstuhl für Gebäudekunde und Entwerfen systematisch ausbauen. Gleich eines seiner ersten Seminare (WS 1964/65) widmet er dem „Einfamilienhaus für morgen“. Ihm schien schon damals das Wohnen im freistehenden Einfamilienhaus aus sozialen, ökonomischen und städtebaulichen Gründen ein überkommenes Privileg. Stattdessen fordert er eine höhere Besiedlungsdichte durch andere Wohnhausformate, eine elastischere Anwendung der Bauordnung zugunsten neuer Bauformen und damit verbunden bei Politik, Kommunen und Investoren mehr Experimentierfreude im Form von Versuchs- und Vergleichsbauvorhaben.

Deilman beklagt, dass das Wohnen selbst und die Wohnungen an eingefrorenen Einheitsvorstellungen ausgerichtet seien und überholte Leitbilder sich in gesetzlichen DIN-Normen verfestigt hätten. In Vorträgen und Ausstellungen („Lerne Wohnen!“, 1967) plädiert er nachdrücklich dafür, dass bei vielen die „brachliegende Wohnphantasie“ wieder angeregt werden müsse. Deilmann interessiert sich vor allem für architektonische Möglichkeiten neuen kollektiven Wohnens, sucht nach größtmöglicher Nutzungsneutralität und Größenveränderbarkeit. Das jeweils passende Wohnformat sieht er erreichbar durch vier grund-
legende Strategien: „Mobilität“ (Umzug), „Adaptabilität“ (Umnutzung), „Variabilität“ (Expansion/Reduktion) und „Flexibilität“ (Umbau). Gerade die letzte Kategorie versteht er als Herausforderung, setzt sie insbesondere auch flexible Installationen voraus, um Raumgefüge tatsächlich auch wechselseitig unterteilen, fusionieren oder verbinden zu können.

Die Forschungen zunächst in Stuttgart, ab 1969 an der neugegründeten Dortmunder Universität, münden 1973 in zwei auch international wahrgenommene Publikationen „Wohnungsbau“ (1973) und „Wohnbereiche“ (1977) und in zahlreiche ausgeführte Bauten. So entstehen bemerkenswerte Wohnanlagen beispielsweise in Münster (Apartmenthaus Segger, 1968), Dülmen (Motel-Wohnungen, 1969) und Dortmund (Versuchsprojekt An der Palmweide, 1971). Eine Vielzahl von Wohnanlagen entstehen nachfolgend in den unterschiedlichsten Haustypologien und Grundrisslösungen.

In vielen Argumenten erscheinen die Fragen, die nahezu ein halbes Jahrhundert zurückliegen, heute aktuell. Gerade in jüngster Zeit setzen Baugruppen wie beispielsweise das Projekt R50 verstärkt wieder auf neue Wohnformate und entwickeln anhand von Graphen neue räumliche Bezugssysteme. Die seinerzeitige experimentelle Wohnbauforschung sollte hier unbedingt als Ressource dienen. In der Dissertation wird dieser für Deilmann prägende Forschungsansatz nicht nur dargestellt, sondern auch in ihren hoffnungsvollen Möglichkeiten ebenso wie in ihren Unmöglichkeiten aus heutiger Sicht bewertet.

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