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Planungsraum der IBA Emscher Park GmbH

Planungsraum der IBA Emscher Park GmbH Grafik: IBA Kurzinfo, 1999

S. M. Burggräf: Dissertation zur IBA Emscher Park

Zweiter Zwischenbericht von Sabine Marion Burggräf:
Der Handlungsbereich des kreativen Planers ist bei Großprojekten durch beteiligte Akteure und Gremien sowie u. a. Projektierungs-, Finanzierungs- und Qualitätssicherungsstrategien erheblich eingeschränkt. Doch durch wen, wie und zu welchem Zeitpunkt werden Planungsinhalte in Projekte gebracht? Das ist die zentrale Fragestellung, mit der ich mich im Rahmen meiner Promotion beschäftige. Konkreter Forschungsgegenstand ist die Internationale Bauausstellung - IBA Emscher Park (1989-99), die als Strukturprogramm des Landes NRW einen offenen Planungsprozess für das Ruhrgebiet angestoßen hat. Die Bewertung dieses Prozesses und der gebauten Qualitäten – bezogen auf die institutionelle Ebene der IBA und die konkrete Projektebene – steht im Vordergrund der Analysen.

Im Hauptteil der Arbeit wurden Kriterienkataloge erarbeitet, um Planungseinflüsse zu identifizieren. Es kann u. a. abgelesen werden, in welcher Form die Projektakquisition durch politische Vorgaben gesteuert wurde. Das erste IBA-Memorandum, auf dessen Grundlage 1989 ein Projektaufruf in die Region erfolgte, spielt hier eine entscheidende Rolle. Untersucht wird, wer an der Definition der Inhalte beteiligt war und in welchem Maße. Den Akten ist zu entnehmen, dass das Ministerium bereits vor dem ersten Aufruf diverse Projekte angestoßen hatte. Das wettbewerbsähnliche Verfahren wurde so im Vorfeld deutlich gelenkt.

Die zugesagte „prioritäre Förderung“ von IBA-Projekten stellte einen großen Anreiz dar. Es wurden über 400 Ideen mit unterschiedlichsten Planungsständen eingereicht. Zu den ersten entscheidenden Steuerungsaufgaben der IBA gehörte die Kategorisierung der Projekte. Festgelegt wurde, was realisiert oder nicht realisiert werden sollte oder ob der Einsender unter Mitwirkung der IBA das Projekt weiter entwickeln durfte. Im Vordergrund stand en die Qualität der Einzelprojekte, das Potential der Ideen, die Umsetzungs-, Finanzierungs- und Förderfähigkeit. Zudem mussten möglichst schnell gebaute, visuell erfassbare Ergebnisse gezeigt werden. Allein aus diesem Grund gab es Projekte die politisch sehr protegiert wurden. Andere hingegen wurden nicht weiterverfolgt, wenngleich sie individuelle Qualitäten aufzeigten. Etwa 120 Projekte konnten realisiert werden. Die IBA wählte ungewöhnliche und zeitintensive Verfahren zur Qualifizierung von Ideen. Besondere Bedeutung kam der Kommunikation und Kooperation zwischen projektbeteiligten Akteuren sowie dem interdisziplinären Arbeiten zu.

Für alle IBA-Projekte wurden individuelle Qualitätsvereinbarungen erarbeitet. Gewünscht war der enge Dialog der Akteure über Projektqualitäten. Die Qualitätsvereinbarungen wurden fortgeschrieben und oftmals erst mit Fertigstellung der Projekte unterzeichnet. Die Qualitätskontrolle erfolgte individuell, von formalisierten Soll-Ist-Vergleichen wurde abgesehen. Ein „Druckmittel“ jedoch war, dass bei Nicht-Einhaltung der Vereinbarung das IBA-Signet entzogen werden konnte. 

Anhand von vier Fallstudien wird untersucht, wie der Planungsinhalt in die Projekte kam. Hierzu werden die Kriterienkataloge abgeprüft. Bei den bereits recherchierten Projekten handelt es sich um den Gasometer Oberhausen und die Siedlung Schüngelberg in Gelsenkirchen. Der Innenhafen Duisburg sowie ein Projekt aus dem Themenfeld „Wiederaufbau von Landschaft“ stehen noch aus. Ziel ist es, die Komplexität der IBA herauszustellen und trotz der großen Unterschiede der Projekte strategische Gemeinsamkeiten aufzuzeigen.

Bei dem Projekt Siedlung Schüngelberg in Gelsenkirchen wurden verschiedene IBA-Themenfelder miteinander verbunden (Wohnen im Bestand/Neubau, Wiederaufbau von Landschaft, Soziales). Der mehrdimensionale inhaltliche Ansatz der IBA wird durch das Projekt repräsentiert.

Die Planung für den Anfang des 20. Jahrhunderts erbauten Siedlungsteil mit 300 Wohneinheiten wurde angelehnt an die englische Gartenstadtidee nach Ebenezer Howard. Die Qualitäten der Siedlung zeichnen sich aus durch ihre Kleinteiligkeit, die Enge/Weite von Straßen und Plätzen, differente Haus- und Dachformen, große Gärten, Steigungen und Krümmungen von Wegen und Straßen.

Mit der Unterschutzstellung (1987), dem Bedarf an neuen Bergarbeiterwohnungen und der IBA-Aufnahme (1989) entwickelte sich das Gesamtprojekt. Für die Siedlungsmodernisierung wurde ein ökologischer Katalog definiert, die denkmalgerechte Bauausführung mit Erhaltung vorhandener Details durch die IBA überwacht. Der persönliche Bedarf der Bewohner wurde abgefragt, die Ergebnisse – soweit möglich und sinnvoll – in die Planungen integriert.

Für die Siedlungserweiterung (200 WE) wurde ein internationaler Wettbewerb ausgelobt, die Auslobungsunterlage durch drei Kolloquien unter Beteiligung aller zuständigen Institutionen vorbereitet. Im Rahmen des kooperativen Verfahrens gab es drei Kolloquien mit sieben ausgewählten Büros, umgesetzt wurde der Entwurf des Schweizer Architekten Rolf Keller.Die Anonymität zwischen den Teilnehmern wurde aufgehoben. Durch den Werkstattcharakter der Kolloquien gab es erhebliche Einflussmöglichkeiten auf Planungsinhalte durch etwaige Akteure (IBA, Kommune, Land, Bergwerk, Nutzer), die – so kann man den Protokollen entnehmen – deutlich genutzt wurden. Eingriffe erfolgten maßgeblich in Grundrissplanungen, Gebäudekubatur und Freiflächennutzung. Der zweite Fluchtweg wurde so beispielsweise entgegen der Architektenplanung gartenseitig angeordnet.

Die Qualitätsvereinbarungen für das Projekt wurden unterzeichnet von der Stadt Gelsenkirchen, der TreuHandStelle für Bergmannswohnstätten im rheinisch-westfälischen Steinkohlenbezirk GmbH (THS), dem Bergwerk Hugo, der Ruhrkohle AG, der Emschergenossenschaft und der IBA. Das Papier wurde analog zum Projektverlauf fortgeschrieben. Die befragten Experten sprachen auffällig oft von der Notwendigkeit „besonderer Persönlichkeiten“. Die Einflussnahme dieser Personen habe ein Projekt inhaltlich in der konzeptionellen Ausrichtungen wie im Detail stark geprägt.

Einen großen Stellenwert nehmen in meiner Promotion Experteninterviews mit zentralen Akteuren ein. Gespräche mit dem ehemaligen Minister für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr des Landes NRW Prof. Dr. Christoph Zöpel, mit Prof. Dr. Walter Siebel und Prof. Tom Sieverts in Ihrer Funktion als wissenschaftliche Direktoren der IBA sowie mit einer Vielzahl von Mitarbeitern und Projektbeteiligten haben stattgefunden. Neben weiteren Interviews stehen in diesem Jahr noch die Analysen der verbleibenden Fallstudien bevor.

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