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Vor dem Verfall: Lagergebäude in Weißwasser

Vor dem Verfall: Lagergebäude in Weißwasser Foto: Torsten Pötzsch

P. Merkel: Die Vereinigten Lausitzer Glaswerke in Weißwasser

Dritter Zwischenbericht von Patricia Merkel:
In seiner langjährigen Schaffenszeit konnte Ernst Neufert mehr als 100 Projekte bearbeiten; viele davon hat er realisieren können. Eine große Anzahl dieser Bauten sind heute noch erhalten, teilweise sind sie in desaströsen Zuständen. So auch das geschichtsträchtige Lagergebäude der Vereinigten Lausitzer Glaswerke (VLG) in Weißwasser in der Oberlausitz von 1936, das durch Verfall und Abriss bedroht ist.


Doch zunächst zurück ins Jahr 1935: Es ist das Jahr, in dem Wilhelm Wagenfeld (1900 – 1990) die künstlerische Leitung der größten deutschen Glashütte, der „Vereinigte Lausitzer Glaswerke“ (VLG), in Weißwasser übernimmt. Er zeichnet hier vor allem für die Einführung von industriell hergestelltem Glas wie Hohl-, Kelch- und Pressglas verantwortlich und entwickelt – dem modernen Zeitgeist entsprechend – hieraus ein vielseitiges Sortiment neuer Formen und Typen für temperaturbeständiges Haushaltsglas.

Die durch Wagenfeld vorangetriebene industrielle Herstellung von qualitativ hochwertigem Glas führt auch zu einer Auseinandersetzung von Reorganisationsmaßnahmen innerhalb des Werkes und der Hütten. Moderne Betriebsführung, veränderte Produktionsabläufe (wie z. B. Akkord- und Fließbandarbeit) und daraus folgende Steigerungen der Absatzzahlen führen bei der VLG zu dem Entschluss, neue Fabrikgebäude zu bauen, die den neuen Standards von Arbeitsabläufen gerecht wer-den. Für diesen baulichen Neuanfang, der einen Hüttenbetrieb und ein Zentrallager vorsieht, sieht Wagenfeld in Ernst Neufert den richtigen Architekten. Jemanden, der sich zu dieser Zeit mit der Umsetzung moderner Arbeits- und Betriebswissenschaften in funktionale Grundrisse beschäftigt und der versucht, optimierte Bewegungsabläufe in Grundrissen zeichnerisch festzuhalten, um hieraus Standards abzuleiten, die zu einer einheitlichen Maßordnung im Bauen führen soll.

Hierbei achtet Neufert zunächst insbesondere darauf, Arbeitsweisen und Produktionsabläufe nach ihren minimal notwendigen Bewegungsabläufen (entsprechend der Taylorschen Forderung einer wissenschaftlichen Betriebsführung) zu organisieren und zu planen. „Wagenfelds Bemühungen erfahren eine Krönung um die Kultivierung der Industriearbeit, als es ihm gelingt, mit Ernst Neufert einen der bedeutenden modernen Architekten bei der VLG einzuführen. Neufert […] baut in Weißwasser einen Hüttenbetrieb und ein Zentrallager. Der moderne Industriebau hält somit Einzug auch in der Glasindustrie“, bemerkt hierzu Walter Scheiffele. (Scheiffele, Walter, Der Modellfall. Die Vereinigten Lausitzer Glaswerke in Weißwasser, in: Manske, Beate (Hrsg.), Wilhelm Wagenfeld (1900 – 1990), Ostfildern-Ruit 2000, S. 46 – 65, hier S. 58.)

Die beiden gleichaltrigen Bauhausschüler Neufert und Wagenfeld kennen sich bereits seit 1923, als Wagenfeld an das Staatliche Bauhaus nach Weimar kommt, wo er zunächst bis 1925 in der Metallwerkstatt unter der Leitung von Lazlo Moholy-Nagy (1895 – 1946) und Christian Dell (1893 – 1974) lernt. Neufert, der hier bis 1920 studiert, ist aufgrund der mangelnden Architekturlehre inzwischen nicht mehr als Student am Bauhaus. Vielmehr arbeitet er nun praktisch als Entwerfer und Bauleiter im Atelier von Walter Gropius (1888 – 1969) und Adolf Meyer (1881 – 1929), das im Ostflügel des Bauhaus-Gebäudes untergebracht ist und zu dieser Zeit gewissermaßen die Architekturabteilung am Bauhaus darstellt.

1926 begegnen sich Neufert und Wagenfeld auf neue Weise: diesmal an der Staatlichen Bauhochschule, der Nachfolgeschule des Staatlichen Bauhauses unter der Direktion von Otto Bartning (1883 – 1959). Nach der Umsiedelung des Bauhauses nach Dessau sind hier nun beide in lehrenden Funktionen tätig: Neufert als Leiter der (nun aufzubauenden) Architekturabteilung, Wagenfeld als Assistent der Metallwerkstatt und ab 1928 als Leiter dieser.

Ihre Wege trennen sich 1930 zunächst gezwungenermaßen, als beide das jähe Ende der Bauhochschule durch die Auflösung durch die Nationalsozialisten miterleben müssen. Mit dem Auftrag des Hütten-, Wannen- und Lagergebäudes für die VLG durch Wagenfelds Initiative 1935 finden die beiden erneut den Kontakt zueinander – beide mit dem Bauhaus'schen Gedanken der Standardisierung und Optimierung von Funktionsabläufen.
Das Hütten- und das Wannengebäude wurden bereits nach der deutschen Wiedervereinigung abgerissen. Das Lagergebäude steht seit Jahren ungenutzt und wurde wenig beachtet: Es befindet sich in einem Zustand, der dringend nach einer maßvollen Sanierung und sinnvollen Nachnutzung sucht. Denn inzwischen besinnt sich Weißwasser seiner reichen Geschichte.

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